geschichte
Als im Frühjahr 1955 in Wien die Neue Österreichische Tribüne – der Verein hinter dem Theater "experiment" –gegründet wurde, befand sich Österreich noch unter alliierter Besatzung. Zehn Jahre nach dem Ende des Krieges war die Stadt geprägt vom Wiederaufbau, von materieller Knappheit und von dem Wunsch nach kultureller Neuorientierung – und Theater spielte in diesem Prozess eine zentrale Rolle.
In dieser Zeit des Aufbruchs entstand in der Liechtensteinstraße 132 ein neuer kleiner Theaterort. In einem ehemaligen Kohlenkeller, der einem Faltbooterzeuger als Lager diente, wurde eine Spielstätte eingerichtet, deren Voraussetzungen denkbar einfach waren: begrenzter Platz, improvisierte Technik, minimale Ausstattung. Gerade diese Bedingungen erwiesen sich jedoch als produktiv. Der Keller bot die Möglichkeit, Theater jenseits repräsentativer Ansprüche zu machen – konzentriert, unmittelbar und ohne äußeren Druck.
Das Theater, das hier entstand, erhielt den Namen "experiment". Gespielt wurde, was als künstlerisch notwendig empfunden wurde. Der Spielplan orientierte sich nicht an Publikumszahlen oder modischen Strömungen, sondern an Texten, Haltungen und Fragestellungen. Uraufführungen und zeitgenössische Autor:innen nahmen von Beginn an einen zentralen Platz ein.
Die Gründer dieses Vorhabens waren Erich Pateisky, Erwin Pikl und Conny Hannes Meyer, die voller Enthusiasmus dieses Abenteuer begannen. Bereits nach zwei Jahren trennten sich jedoch die Wege der drei und Pikl blieb als einziger am "experiment".
In den 70ern kamen die drei Schauspieler:innen Erwin Bail, Gertraud Frey und Erwin Bail ans Theater, wuchsen dort in neue Aufgaben wie Regie, Bühnenbild und künstlerische Leitung hinein und übernahmen schließlich die Direktion 2007 von Erwin Pikl nach 51 Jahren.
Seit 2026 wird das Theater von Stefanie Elias, Andrea Nitsche, Andreas Paul Seidl und Paul Wiborny geführt.
Über die Jahre und Jahrzehnte haben viele unterschiedliche Theatermacher:innen in den Bereichen Regie, Dramaturgie, Bühnenbild und Schauspiel diesen Ort geprägt und mitgestaltet.
1928 - 2022
Gründer und 51 Jahre lang direktor
Geb. 16. Juni 1928 in Wien, aufgewachsen im 5. Stock über dem Rabenhof-Theater, noch im Vorschulalter auf dieser Bühne gestanden und Theaterluft geatmet. Nach Volks- und Hauptschule ursprüngliches Berufsziel: Baumeister. Ab 1942 5 Semester Ingenieurschule Abteilung Hochbau.
Während des Studiums 1943/44 Statist an der Wiener Volksoper (La Bohème, Carmen, Lohengrin etc.)
Herbst 1944 Fronteinsatzhelfer. 1945 Einberufung zum Reichsarbeitsdienst, Fronteinsatz, durch Flucht Kriegsende überlebt.
Herbst 1945: Fortsetzung des Hochbaustudiums an der Bundesgewerbeschule, 1948 Abschluß mit Reifeprüfung.
1945 Mitbegründer einer Theatergruppe. Sprechtechnik bei Maria Bis.
1951 - 1955 Studium der Architektur an der Akademie für angewandte Kunst als Werkstudent. Anschließend Tätigkeit als Architekt in Architekturbüros. In dieser Zeit auch Vorstandsmitglied im Verein "Theaterfreunde" des Neuen Theaters in der Scala.
April 1955 Gründung des Vereines "NEUE ÖSTERREICHISCHE TRIBÜNE" mit dem Ziel der Errichtung einer Kleinbühne.
2.2.1956 Eröffnung der "Kleinen Bühne am Liechtenwerd" mit Leseaufführungen.
Festwochen 1956: Theaterpremiere als "Theater experiment" mit der Uraufführung von 2 Einaktern Österreichischer Autoren.
1956 - 1959 5 Semester Theaterwissenschaft
1959 - 1988 Lehrtätigkeit an der Hochschule für angewandte Kunst
Feb. 1963 Eröffnung des 2. Theaters im "Palais Erzherzog Karl" in der Annagasse bis 1973 und 1978 - 1980.
Wiener Festwochen 1963 Freilichtaufführung vor der Kirche "Maria am Gestade". Sommer 1963 mit Franz Schafranek und Ruth Brinkmann Gründung von Viennas English Theatre.
1964 - 1973 Leiter der Sommerspiele Carnuntum.
1988 Verleihung des "Goldenen Verdienstzeichen" des Landes Wien.
2007 Ruhestand nach 51 Jahren als Theaterdirektor des “experiments”
fritz holy
Direktor von 2007 bis 2026
Der gebürtige Floridsdorfer absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Mechaniker-Facharbeiter bei den Österreichischen Bundesbahnen. Parallel zur Berufsschule sammelte er jedoch bereits erste Theatererfahrungen und entschied sich schließlich für eine künstlerische Laufbahn.
Er absolvierte die Schauspielschule Lamberg-Offer, wo er Gertraud Frey kennenlernte – seine spätere Frau und langjährige Bühnenpartnerin. Seit ihrem Kennenlernen 1963 verband die beiden eine private wie künstlerische Partnerschaft, die ihr gemeinsames Arbeiten über Jahrzehnte prägte.
Bereits 1967 kam Fritz Holy zum ORF, wo er unter anderem als Sportsprecher an der Seite von Edi Finger tätig war. Über rund drei Jahrzehnte arbeitete er als freier Mitarbeiter für den ORF.
Vor seiner prägenden Zeit im Theater experiment arbeitete Fritz Holy u. a. am Theater am Belvedere und am Theater der Jugend.
1972 kam Fritz Holy gemeinsam mit Gertraud Frey und Erwin Bail ans Theater Experiment am Liechtenwerd. Was zunächst ohne feste Funktion begann, entwickelte sich zu einer über fünf Jahrzehnte währenden Verbindung, in der Fritz Holy das Experiment als Schauspieler, Regisseur und schließlich als künstlerischer Leiter entscheidend prägte. Sein Regiedebüt am Haus war „Duell“ (1972, Mar Bajdschjew/Wassilij Akssjonow), ein Drei-Personen Stück mit Gertraud Frey, Erwin Bail und Otto Clemens. Die Inszenierung wurde mit einem Kritikerpreis ausgezeichnet und markierte den Beginn seiner kontinuierlichen Regiearbeit. Es folgten zahlreiche prägende Produktionen, darunter die Wiener-Festwochen-Uraufführung „Kobe beef“ (1973, Friedrich Ch. Zauner) sowie „Königreich auf Erden“ von Tennessee Williams (1974) in gemeinsamer Regie mit Erwin Bail. Einen besonderen Höhepunkt bildete seine Inszenierung von Bertolt Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“, die ihm 1978 den Förderungspreis zur Kainz-Medaille einbrachte (im Jahrgang u. a. mit Erika Pluhar und Fritz Muliar). Über mehrere Wiederaufnahmen hinweg erreichte diese Produktion ein großes Publikum.
Parallel zu seiner Theaterarbeit unterrichtete Fritz Holy Sprechen und Schauspiel am Konservatorium der Stadt Wien in der Musical- und Operettenklasse.
Eine der kontinuierlichsten Tätigkeiten seines Berufslebens verband ihn mit der Blindenbücherei, für die er über fünf Jahrzehnte hinweg Literatur einsprach.
2023 begann Fritz Holy, sich schrittweise aus der Leitungsverantwortung zurückzuziehen. Dem Theater Experiment bleibt er bis heute als enger Freund, Berater und prägende Persönlichkeit verbunden.
Gertraud Frey
Erwin Pikl
Erwin Bail
Direktor von 2007 bis 2026
Erwin Bail, geboren am 30. September 1948 in Wels (Oberösterreich), wuchs in Wien auf und besuchte dort Volks- und Mittelschule. Neben der schulischen Ausbildung nahm er Schauspielunterricht und begann früh, sich praktisch im Theaterbetrieb zu orientieren. Nach der Matura studierte er einige Semester Architektur.
Ab 1970 arbeitete Erwin Bail zunächst als Schauspieler, später auch als Bühnenbildner und Regisseur an Wiener Kellerbühnen. Engagements führten ihn unter anderem an das Volkstheater, das Theater der Jugend, das Stadttheater St. Pölten sowie zu verschiedenen Sommertheatern.
Seit 1972 ist Erwin Bail regelmäßig mit dem Theater Experiment am Liechtenwerd verbunden. Über Jahrzehnte hinweg arbeitete er dort als Schauspieler, Bühnenbildner und Regisseur und prägte das Haus nicht nur künstlerisch, sondern auch organisatorisch und technisch. Seine praktische Vielseitigkeit und seine Fähigkeit, aus begrenzten Mitteln funktionierende Lösungen zu entwickeln, wurden zu einem wesentlichen Bestandteil der Arbeitsweise des Hauses. Für das Bühnenbild zu „Königreich auf Erden“ von Tennessee Williams (1974) erhielt Erwin Bail eine Prämierung durch das damalige Bundesministerium für Unterricht und Kunst.
Ab 2007 leitete Erwin Bail das Theater Experiment gemeinsam mit Fritz Holy. Nach der Übergabe 2026 wird er “den Neuen” weiterhin als Partner, Ratgeber und Schauspieler zur Seite stehen.
1945 - 2018
Traude Frey wurde 1945 in Stockerau geboren. Ihre Theaterleidenschaft entbrannte schon sehr früh. Durch ihren väterlichen Freund und Mentor Armando Ozory kam es zu einem Vorsprechen bei der berühmten Schauspielerin Adrianne Gessner, die von Traudes Talent so überzeugt war, dass sie ihr einen Fixplatz am Reinhardt-Seminar verschaffte - obwohl sie ihrer Einschätzung nach “wie eine Sau” sprach. Leider konnte Gertraud Frey diese Chance nicht wahrnehmen und besuchte stattdessen ab 1963 die Schule Lamberg-Offer, wo sie Fritz Holy traf, den sie 1970 heiratete.
Zunächst war sie Ensemblemitglied im Belvederetheater in der Mommsengasse, bis sie 1972 zusammen mit Fritz Holy und Erwin Bail ins “experiment” wechselte. 45 Jahre lang überzeugte und berührte sie hier in unzähligen Rollen. Sie war nicht nur eine große Tragödin, sondern hatte auch ein einmalig komisches Talent. Später führte sie auch regelmäßig selbst Regie und unterrichtete mit viel Hingabe und Geduld Schauspiel.
Auch auf anderen Bühnen war sie immer wieder zu sehen, wie dem Ateliertheater, dem Theater der Courage, dem Theater in der Josefstadt, der Komödie am Kai und den Sommerspielen Grein und Altenburg.